Betrachtung: Ist Joker ein gefährlicher Film?

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    • Betrachtung: Ist Joker ein gefährlicher Film?

      Betrachtung: Ist Joker ein gefährlicher Film?

      Die ersten Kritiken zu Joker fielen überwiegend positiv aus, bei den 76. Filmfestspielen in Venedig gewann der Film den Goldenen Löwen. Allerdings sorgten sich einige auch über die glorifizierende Wirkung der dargestellten Gewalt. Der Film ist auf seinen Protagonisten zugeschnitten, es fehlt eine Figur als Projektionsfläche, wie beispielsweise Robert Duvalls Prendergast in Falling Down, an dem sich das Entsetzen über Arthurs Taten widerspiegeln ließe. Diesen Job muss der Zuschauer schon selbst erledigen. Wie mag der Film also bei solchen Menschen ankommen, die sich sozial ähnlich abgehängt fühlen wie der traurige Protagonist? Robbie Collin schreibt etwa für The Telegraph: "Ein Teil von mir findet Todd Philipp's radikale Neuausrichtung des Jokers aufregend kompromisslos und haarsträubend zeitgemäß. Ein anderer Teil denkt, sie sollte in einem Tresor verschlossen, dann in den Ozean geschmissen und niemals veröffentlicht werden." Gedanken wie diese sind natürlich untrennbar mit Aurora verbunden: Der Amoklauf im örtlichen Filmtheater, bei dem ein psychisch kranker 24-Jähriger während einer Premiere zu The Dark Knight Rises zwölf Menschen erschoss und 58 weitere verletzte, liegt gerade mal sieben Jahre zurück. Für die Opfer und Hinterbliebenen ist da ein Film wie Joker verständlicherweise schwer zu verkraften.

      Im Zuge der Gefährlich-oder-nicht-Debatte fiel unter anderem auch der Vorwurf, Jokers Figur würde zum Posterboy der sogenannten Incel-Netzcommunity erhoben, was im Rahmen der Geschichte allerdings wenig Sinn ergibt. Der Begriff "Incel" steht für "unfreiwillig enthaltsam" und umfasst eine zum Teil radikale Subkultur frustrierter, meist weißer Männer, die sich unter anderem über einen kollektiven Frauenhass, Selbstmitleid und ihren Anspruch auf Sex definieren. Diese Leseart passt aber nicht auf den Film, denn Arthurs größter Feind ist eben nicht die zurückweisende Frau, sondern er selbst.


      Was will uns der Künstler sagen?


      Als kritischer Kommentar auf die heutigen Gesellschaftsverhältnisse taugt Joker ebenfalls nur bedingt, da er kaum Antworten im Gepäck hat. Oder wie Glenn Kenny es für RogerEbert.com formuliert: "Als sozialer Kommentar ist Joker verdorbener Müll." Diese Meinung muss man freilich nicht teilen, allerdings muss sich der Film den Vorwurf gefallen lassen, wenig Neues zu erzählen. Unter Arthurs begründeter Wut liegt allenfalls die simple Erkenntnis, dass in einer zynischen und unsozialen Gesellschaft zwangsläufig jene Menschen unter die Räder kommen, die sich nicht mehr aus eigener Kraft halten können - und selten, ganz selten suchen diese Menschen ihren Ausweg in Gewalt, manchmal gegen sich selbst gerichtet, manchmal gegen andere.

      Die Kontroverse sollte sich vielleicht auch deshalb eher um die breite Unterstützung drehen, die der Joker für seine Taten erntet: Mit jedem Akt der Grausamkeit taucht er nicht nur tiefer in seine Psychose ein, sondern gewinnt dabei auch zahlreiche Bewunderer. Die kennen Arthur zwar persönlich überhaupt nicht, doch das ist ihnen in dem Moment auch völlig egal. Ihnen ist jeder Widerstand gegen die Ordnung recht, sei er auch noch so brutal.

      Es mag nicht originell sein, doch gerade im Hinblick auf DCs Comic-Welt ergibt Jokers diabolische Anziehungskraft absolut Sinn: Viele von Batmans Widersachern
      haben schließlich ein paar Schrauben locker, befehligen aber trotzdem
      ganze Heerscharen von willigen Handlangern - in Joker sehen wir nun den
      filmischen Versuch, den Entstehungsprozess einer solchen Gaunerbande
      halbwegs realistisch abzubilden. Ihre Motivation ist simpel und wird so
      auch im Film klar kommuniziert: Die Reichen sind irgendwie Schuld am
      ganzen Elend, der Hass auf das Establishment rechtfertigt darum alle
      Mittel.


      Befeuert von einigen Kommentaren des Regisseurs Todd Philipps, ließe sich der Film womöglich als Abgesang auf die radikale Linke lesen, gäbe es nur nicht den Joker selbst, der in einer Szene dagegen hält: "Ich bin nicht politisch", behauptet er, und unterstreicht damit, dass es ihm vor allem um ihn selbst geht. Seine Enttäuschung, sein verletzter Stolz und sein Hass auf alle, die ihm übel mitgespielt haben, sind ihm Grund genug, Kugeln und andere Gegenstände durch seine Mitmenschen zu jagen.

      Doch macht das Joker wirklich zu einem Film, der zu Selbstjustiz und Misanthropie aufstachelt? Oder funktioniert er nicht eher als eindringliche Warnung vor einer Gesellschaft, in der soziale Ungerechtigkeit, ein Mangel an Empathie, die Sucht nach Aufmerksamkeit und im Überfluss verfügbare Feuerwaffen aufeinanderprallen? Die Filmemacher trauen dem Publikum jedenfalls zu, sich ein eigenes Urteil zu bilden und diesen Joker als das zu sehen, was er in Wahrheit ist: Ein kranker, verzweifelter Mann, der - bei aller berechtigten Wut - eine falsche Entscheidungen nach der nächsten trifft. Wären Filme hier tatsächlich in die Verantwortung zu ziehen, hätte es auch Taxi Driver oder Fight Club nie geben dürfen.

      Philipps' Botschaft ist darum ebenso wichtig wie banal: Vielleicht lohnt es sich besonders in Zeiten wie diesen, ein wenig Mitgefühl zu zeigen. Arthur Fleck hätte es weiß Gott nötig gehabt.


      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Darknau ()

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