Kino Kritik: Joker

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    • Kino Kritik: Joker

      Joker in der Filmkritik: Da vergeht einem das Lachen


      So unbequem war Superheldenkino schon lange nicht mehr: In Joker zelebriert Batmans Erzfeind seinen ersten großen Solo-Auftritt, das Ergebnis ist bodenlos finster, fantastisch gespielt - und sorgt für einigen Gesprächsstoff. Ist Joker ein gefährlicher Film? Ich habe das umstrittene Drama gesehen und kläre in meiner Kritik, warum der Streifen ebenso kontrovers wie sehenswert ist.

      Eine Tasse warmer Kakao, eine Zigarette oder einfach nur ein ordentliches Katzenvideo - was immer ihr auch zum Wohlfühlen braucht, haltet es besser schon mal griffbereit. Denn nach dem Kinobesuch von Joker war mir jede Aufmunterung recht: Ausgerechnet Todd Philipps, der bislang vor allem Blödelkino (Hangover-Trilogie, Road Trip) gedreht hat, liefert mit Joker ein eindringliches Psycho-Drama ab, das so trostlos und geerdet daherkommt, dass man seine Comic-Wurzeln über weite Strecken vergisst. Der Film stellt eine Origin-Story des ikonischen Batman-Superschurkens dar und ist im Jahr 1981 angesiedelt - lange bevor sich ein gewisser Bruce Wayne in sein Fledermauskostüm zwängt. Eine düstere, geradlinig durcherzählte Handlung, die für Helden keinen Platz lässt. Das fasziniert und wirft Fragen auf. Wie sehr darf man mit jemandem mitfiebern, der kaltblütig mordet und sich dabei im Recht sieht, sogar dafür gefeiert wird? Der Film liefert darauf kaum Antworten, es bleibt dem Zuschauer überlassen, das Erlebte einzuordnen. Eben das macht ihn so reizvoll. Und für viele Kritiker ausgesprochen kontrovers.


      Keine Minute Freude im Leben
      Gotham City ist ein Dreckloch, zumindest in dieser Filmversion von Todd Philipps, der kaum ein gutes Haar an der fiktiven DC-Metropole lässt. Stilistisch wurde sie einigen der hässlichsten Winkel nachempfunden, die das New York der 80er Jahre aufzubieten hatte: Der Müll stapelt sich auf den ewig nassen Straßen, während die Kluft zwischen Arm und Reich unaufhaltsam wächst. Immer mehr soziale Einrichtungen werden geschlossen und spülen all die Bedürftigen und Abgehängten hervor, die das System nicht mehr zu tragen vermag. Einer von ihnen ist Arthur Fleck (Joaquin Phoenix), der sich in diesem Elend mühsam durch den Alltag schleppt. Bleich und ausgemergelt sitzt er da vor einem Spiegel, trägt sorgfältig Schminke auf und ringt sich ein schiefes Grinsen ab, während eine Träne über seine Wange rinnt: Arthur schlägt sich als Clown für eine abgehalfterte Agentur durch, tänzelt dafür mit Werbetafeln durch Gothams Straßen. Insgeheim träumt er aber von einer Karriere als Stand-Up-Comedian, von der er sich all die Anerkennung erhofft, nach der er sich sein ganzes Leben gesehnt hat. Arthur, der bis zu sieben Medikamente gleichzeitig schluckt, leidet unter dem Zwang, in den unpassendsten Momenten hemmungslos lachen zu müssen. Herzzerreißend sind diese Szenen, in denen er mit aller Kraft versucht, sein schluchzendes Gelächter zu ersticken, und es damit nur noch schlimmer macht.

      Eine riesige Treppe liegt auf Arthurs Heimweg, jeden Abend müht er sich Stufe für Stufe hinauf. In seinem biederen Zuhause versorgt er seine Mutter (Frances Conroy), mit der er sich am liebsten die Show des TV-Moderators Murray Franklin (Robert DeNiro) ansieht, den er schon längst als heimliche Vaterfigur auserkoren hat. Doch die Rückschläge häufen sich für den tragischen Clown: Immer wieder wird er verletzt und gedemütigt, bis er schließlich auch das letzte bisschen Rückhalt in seinem Leben verliert - und irgendwann passiert es, da bahnen sich Wut, Angst und Verzweiflung ihren Weg. Als Arthur zum ersten Mal Gewalt anwendet, vollzieht sich ein Wandel, ab hier ist die Abwärtsspirale nicht mehr aufzuhalten. Arthur fühlt sich plötzlich stark und lebendig - wenn er die schmalen Flure seines Wohnhauses entlangstampft, lässt ihn die Kamera fast breitschultrig wirken. Selbst die elende Treppe vor seiner Wohnung wird ihm kurzerhand zur Bühne: In Gestalt des Jokers lässt der Regisseur ihn wie einen Tänzer elegant die Stufen hinabsausen, leichtfüßig und vor Kraft strotzend. Die Szene wird zum Sinnbild für Arthurs Katharsis: Wenn es bergauf zu mühsam wird, dreh doch einfach um - der Weg hinab fühlt sich so viel besser an.

      Hoffnung spielt keine Rolle in diesem Film, wie könnte sie auch - schließlich wissen wir bereits, zu was sich Arthur entwickelt, nämlich zu einem der grausamsten Gegenspieler, denen Batman je begegnen wird. Während Arthur seinen Hass nach außen kehrt, können wir nur noch tatenlos zusehen. Allerdings ist er nicht allein mit seinem Schmerz: Aufgeheizt durch den arroganten Großindustriellen Thomas Wayne (Brett Cullen), der sich im Fernsehen abfällig über die Armen und Frustrierten der Gesellschaft äußert, steigt der Joker zum Symbol von Gothams revoltierender Unterschicht auf - und so nimmt das simpel gestrickte Drama, für das sich Todd Philipps großzügig bei Scorcese-Klassikern wie Taxi Driver oder The King of Comedy bedient hat, unweigerlich seinen Lauf.

      Regisseur Philipps hält sich dabei mit überraschenden Wendungen und abgründigeren Szenen, in denen sich ein tieferer Einblick in Arthurs Gedankenwelt gewinnen ließe, erstaunlich zurück. Oft ist das aber auch gar nicht nötig, denn mehr als einmal ergreift Arthur selbst das Wort und erklärt seine Nöte und Sorgen frei heraus. Der Zuschauer ist hier kaum gefordert, denn im Grunde wird ihm bereits alles mundgerecht vorgesetzt. Das macht selbst manche der dramatischeren Szenen vorhersehbar, was zwar hin und wieder auf Kosten der Spannung geht, aber auch sein Gutes hat - denn so bleibt mehr Zeit, um sich voll und ganz auf den brillanten Hauptdarsteller zu konzentrieren.


      An der Schmerzgrenze

      Elf Jahre nach Heath Ledgers oscarprämierter Performance wird der Joker nicht minder eindrucksvoll zum Leben erweckt: Joaquin Phoenix, ohnehin einer der besten Darsteller dieser Generation, spielt sich dermaßen die Seele aus dem Leib, dass es einem Angst und Bange werden kann. Der Einsatz zahlt sich aus, sein Joker ist ebenso wichtig und faszinierend, aber gleichzeitig völlig anders als der aus Christopher Nolans Dark-Knight-Trilogie. Hier ist kein kriminelles Genie am Werk, sondern ein bemitleidenswerter, sensibler Kerl, der an seiner eigenen Lebensrealität zerschellt. Nach dem komplexen Meisterwerk The Master (2012) eine weitere Paraderolle für Phoenix, der sich zurecht mal wieder Hoffnungen auf einen Oscar machen darf. Rund 25 Kilo magerte er ab, um den ausgemergelten Arthur glaubhaft darzustellen, monatelang bereitete er sich intensiv auf den Part vor. Auch für die Beteiligten am Set war der Umgang mit dem Charakterdarsteller nicht immer einfach.


      Bei so viel Präsenz bleibt allerdings wenig Raum für Nebenrollen: Der Film ist derart rigoros auf Phoenix zugeschnitten, dass selbst Hochkaräter wie Robert DeNiro, Frances Conroy (Six Feet Under) oder Zazie Beetz (Deadpool 2) überraschend wenig zu tun bekommen - auch wenn ihre Figuren unerlässlich für den Film sind und gerade deshalb etwas mehr Aufmerksamkeit vertragen hätten.


      Fantastische Umsetzung

      So gewaltig wie sein Hauptdarsteller ist der Streifen auch handwerklich gelungen: Über vielen Szenen schwebt der eindringliche Score aus der Feder der Isländerin Hildur Guðnadóttir (Chernobyl), der Arthurs Werdegang mit tiefen, bedrohlichen Streichern begleitet. Die Optik steht dem in nichts nach: Regisseur Todd Philipps inszeniert seinen Joker im edlen Retro-Stil, der ganz von seinen detailreichen Kulissen und glaubhaften Schauplätzen lebt, die das schmuddelige Gotham City greifbar und echt wirken lassen. Kameramann Lawrence Sher fängt die Misere in wunderschönen Bildern ein: Einige der intimen Augenblicke, in denen Arthur von seinem Umfeld förmlich erdrückt wird, wurden bewusst ein wenig schief gestellt, hier findet Arthur keinen Halt mehr, die Welt ist für ihn buchstäblich schräg geworden, verrückt. Später, wenn Arthur sich zunehmend im Wahnsinn verliert, setzt Sher dafür auf symmetrische Formen, satte Kontraste und warme Beleuchtung - für den Joker strahlt die Welt eben am schönsten, wenn sie so richtig am Ende ist.


      FAZIT: Klasse gefilmt, intensiv gespielt und gnadenlos deprimierend, präsentiert sich Joker als geradliniges Drama, das eine simple Botschaft transportiert und dabei gar nicht erst versucht, den Anschein von Doppeldeutigkeit zu erwecken. Gelegentlich gerät der Film etwas vorhersehbar und selbsterklärend, für eine Charakterstudie hätte Joker vielleicht etwas mehr Tiefgang vertragen. Seinen schieren Unterhaltungswert schmälert das aber nicht im Geringsten: Selbst wenn einem Comic-Verfilmungen schon lange zum Halse raushängen, ist Joker ein überaus sehenswertes Kino-Erlebnis, das man ebenso lieben oder hassen kann - doch die wenigsten dürfte er kalt lassen.

      Joker startet am 10. Oktober 2019 in den deutschen Kinos. (FSK Altersfreigabe: Ab 16 Jahren)





      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Darknau ()

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