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      Name ist hier Programm


      Chernobyl


      Auch 33 Jahre nach dem GAU steht Tschernobyl weiter stellvertretend für die Grenzen der Dominanz des Menschen über die Gesetze der Physik. Eine neue Miniserie von HBO bringt die Schrecken der Katastrophe nun greifbar nahe.

      Nicht einmal der Eiserne Vorhang konnte allzu lang verschleiern, was am 26. April 1986 um 1.23 Uhr morgens in der ukrainischen Stadt Prypjat passierte, nämlich die bis dato größte Reaktorkatastrophe der zivilen Kerntechnologie. Tausende Menschen verloren aufgrund der radioaktiven Strahlung ihr Leben und das Gebiet rund um den Unglücksort gilt bis heute als Sperrzone. Tschernobyl löste Schockwellen aus, die um den ganzen Globus zogen. Und auch hierzulande entstand bald der Eindruck, dass der Mensch vielleicht doch nicht Herr der Wissenschaften ist. Die Angst vor Atomkraft ist noch immer so groß, dass man lieber Millionen Tonnen CO2 in die Atmosphäre bläst, weil der Kohle einfach mehr vertraut wird.
      Der sowjetische Super-GAU mag zwar nicht direkt Teil der westlichen Geschichte gewesen sein, doch er hat sie genauso geprägt. Kein Wunder, dass der amerikanische Kabelsender HBO in transatlantischer Zusammenarbeit mit Sky die Ereignisse von damals nun in einer fünfteiligen Miniserie aufarbeitet. Geschrieben wurde das Ganze von Craig Mazin („Hangover 2“), während Johan Renck (Breaking Bad) die beängstigende Inszenierung übernahm. In Deutschland erscheint das Historiendrama mit Jared Harris (Mad Men) in der Hauptrolle am Dienstag, den 14. Mai um 20.15 Uhr auf Sky. Aber auch über Bs.to schaubar.

      Die Kosten der Lügen

      Mazin und Renck könnten den Fokus von Chernobyl auf unterschiedlichste Aspekte der Nuklearkatastrophe legen. Die technischen Einzelheiten dürften nur wenige interessieren, dennoch werden sie kaum ausgespart, was sicherlich zur Authentizität der Serie beiträgt. Die Pilotepisode, die nun bei HBO Premiere feierte, trägt den Titel 1:23:45 (1x01). Diese Zahlen bilden die exakte Uhrzeit ab, als der Reaktor vier des Kernkraftwerks Tschernobyl explodierte und das Unglück seinen Lauf nahm. Unversehens befinden wir uns mitten im Chaos und erleben die Eskalation der Lage fast in Echtzeit.
      Im Prolog lernen wir zunächst den Helden der Geschichte kennen, der darauf besteht, dass die Geschichte keine Helden hat. Sein Name ist Waleri Legassow (Harris), der später die Untersuchung der Katastrophe leitet und sich zwei Jahre nach dem GAU - sprich: in der Eröffnungsszene - das Leben nimmt. Auf seinem Abschiedstonband hinterlässt der ehrenwerte Wissenschaftler schwere Anklagen gegen die sowjetische Regierung. Denn hierin liegt die wahre Botschaft der Serie: Das Unglück wäre vermeidbar gewesen, wenn die Entscheidungsträger weniger aus Stolz und Ignoranz, sondern mit Mut und Ehrlichkeit gehandelt hätten. Umso zynischer daher der Moment, als ausgerechnet der älteste Mann am Tisch mahnt, dass nun die Chance zum Glänzen da sei. Doch meint er damit nicht die Evakuierung der Stadt, sondern das Herunterspielen der Situation, um die öffentliche Ruhe zu bewahren. Das sozialistische Gesamtprojekt wäre wichtiger als ein paar Leben.

      Helden hat Chernobyl also nicht, doch dafür viele Schuldige und umso mehr Opfer. Auf Anatoli Djatlow (Paul Ritter) trifft beides zu. Er hatte zum Zeitpunkt der Katastrophe das Kommando über das Kernkraftwerk, das - wie besagter alter Mann in seiner „packenden Motivationsrede“ bemerkt - dem bolschewistischen „Revolutionshelden“ Lenin gewidmet worden war. Massive Sicherheitsverstöße blieben unter Djatlows Aufsicht unbemerkt, weshalb auch er laut Legassow den Tod verdient hätte. Und, obwohl er sich direkt im Epizentrum der radioaktiven Strahlung befand, würde er Tschernobyl überleben, anders als viele Zivilisten, die das Spektakel zunächst noch zu genießen schienen. Vor allem eine Einstellung des Regisseurs Renck geht durch Mark ein Bein, nämlich ein paar Kinder, die den Fallout für Schnee halten und in den tödlichen Flocken tanzen.

      Die emotionale Inszenierung der Miniserie ist der Grund, warum Chernobyl so spannend ist, selbst, wenn wir alle wissen, wie das Ganze ausgeht. Die Auftaktfolge nimmt sich viel Zeit - insgesamt fast eine Stunde -, um die nötige Grundstimmung zu etablieren. Wir müssen nicht auf Anhieb alle Figuren auseinanderhalten können, zumal die zwei anderen Hauptdarsteller, Stellan Skarsgard (River) und Emily Watson (Genius), noch gar nicht richtig zum Einsatz kommen. Ziel ist es, uns den Schrecken des 26. Aprils 1986 so spürbar wie möglich zu machen - und genau das gelingt der Serie. Aber nicht nur Angst soll bei uns hervorgerufen werden, sondern auch Wut. Wut auf Männer, die die Augen verschließen und denjenigen, die das nicht tun, mit Strafen drohen. Wut auf ein System, in der die Wahrheit nicht als Wert, sondern als Gefahr betrachtet wird.


      Fazit


      Die neue Miniserie Chernobyl ist der Inbegriff all dessen, wofür ich den Kabelsender HBO feier und liebe. Regisseur Johan Renck inszeniert stilsicher und dennoch mutig eine Geschichte großer Relevanz und kann dabei auf ein grandioses Schauspielensemble zurückgreifen, angeführt von Jared Harris, wegen dessen wunderbarer Stimme man der Serie sogar verzeihen mag, dass die Dialoge auf Englisch und nicht auf Ukrainisch oder Russisch gesprochen werden.

      Bedenkt man, welche große und noch immer anhaltende Signalwirkung die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl 1986 hatte - auch im Westen und ganz besonders hierzulande -, ist es eigentlich verwunderlich, dass bislang so wenige Filme oder Serien über das historische Ereignis existieren. Dass die aktuelle Aufarbeitung nun in amerikanisch-britischer Koproduktion zustande kam, ist nicht der einzige Grund, warum ein Großteil der Serie auch als Kritik am sowjetischen Staat betrachtet werden kann. Auch im russischen Film „Raspad - Der Zerfall“, der nur vier Jahre nach dem Unglück gedreht wurde, klang das Systemversagen des „real existierenden Sozialismus“ bereits an. Sky zeigt Chernobyl, wie gesagt, ab dem 14. Mai.

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